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Schmerzensgeld nach Schleudertrauma (HWS-Distorsion) : Was steht mir zu?

2 Juli 2016
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highwaystarz - Fotolia.com

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Allgemeines zum Schleudertrauma (HWS-Distorsion)

Das Schleudertrauma , in der Medizinersprache „HWS-Distorsion“ genannt, ist eine der häufigsten und auch bei der Geltendmachung von Schmerzensgeldern umkämpftesten Verletzungen aus Verkehrsunfällen.

Ungefähr 400 000 Mal wird diese Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule nach einem Unfall von Ärzten diagnostiziert.

Vor allem bei Auffahrunfällen, aber auch bei Seiten- und Frontalanstößen kommt es zu derartigen Verletzungen.

Es handelt sich dabei um Weichteilverletzungen im Bereich der Halswirbelsäule, denen eine Stauchung oder Verrenkung der Halswirbelsäule zu Grunde liegt. Bei dem Aufprall des anderen Fahrzeugs wird die Halswirbelsäule (HWS) ruckartig derartig extrem bewegt, dass eine Überdehnung von Bändern und Bandscheiben, die HWS-Distrosion, eintreten kann.

 

Bei der HWS-Distorsion werden vier unterschiedliche Schweregrade unterschieden:

 

Schweregrad I:

Hierbei handelt es sich um eine leichte Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule, verbunden mit Schmerzen im Nacken und Hinterkopf, geringen Bewegungseinschränkungen und schmerzender Muskulatur im Schulter-Nacken-Bereich. Röntgenologisch sind hier keine Auffälligkeiten sichtbar. Die Beschwerden treten hier meistens erst nach 12 bis 16 Stunden auf und dauern oft nur wenige Tage und maximal bis zu einem Monat an.

Diese Verletzungen können bei Kollisionsgeschwindigkeiten von ca. 8 bis 30 km/h auftreten.

 

Schweregrad II:

Hier treten die Beschwerden zumeist unmittelbar nach dem Unfall auf und zu den unter dem Schweregrad I genannten Beschwerden kommen noch Schmerzen im Mundbereich und Parästhesien (Kribbeln, Taubheit, Einschlafen) der Arme.

Die Beschwerden dauern hier zumeist Wochen bis Monate an und führen oftmals zu zeitweiser Bettlägerigkeit.

Es besteht eine sehr schmerzhafte Bewegungseinschränkung der Halswirbelsäule.

Möglich sind auch Gelenkkapseleinrisse oder Gefäßverletzungen.

Die für das Entstehen solcher Verletzungen üblicherweise notwendige Kollisionsgeschwindigkeit beläuft sich auf 30 bis 80 km/h.

 

Schweregrad III:

Sofort eintretende starke Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule verbunden mit einer eingeschränkten Funktionstüchtigkeit (Insuffizienz) der Halsmuskulatur.

Zumeist ist der Betroffene zunächst bettlägerig und die Beschwerden dauern meist Monate, in seltenen Fällen auch mehr als ein Jahr, an.

Röntgenologisch sind hier Risse der Bänder, Steilstellungen der HWS, Frakturen oder Verrenkungen feststellbar.

Solche Verletzungen, die diesem Schweregrad zuzuordnen sind, entstehen i. d. Regel bei Kollisionsgeschwindigkeiten zwischen 50 und 100 km/h.

 

Schweregrad IV:

Hierunter fallen die meist tödlich verlaufenden Frakturen im Bereich der Halswirbelsäule. Bei Überleben tritt meist eine hohe Querschnittslähmung ein.

Voraussetzung ist eine Kollisionsgeschwindigkeit von über 80 km/h.

 

HWS-Distorsion 1. Grades und der Anspruch auf Schmerzensgeld

Am Häufigsten werden HWS-Distorsionen mit dem Schweregrad I diagnostiziert.

Diese sind, wie oben gesehen, röntgenologisch nicht nachweisbar. Ein behandelnder Arzt ist hier auf die Angaben des Patienten angewiesen und beschränkt.

Wird daher ein Schmerzensgeld aufgrund einer HWS-Distorsion 1. Grades geltend gemacht, wenden die gegnerischen Haftpflichtversicherungen insbesondere dann, wenn die Schäden an den Fahrzeugen gering sind, ein, dass aufgrund geringer Kollisionsgeschwindigkeit gar kein Schleudertrauma habe entstehen können.

 

Gesprochen wird dann von der sogenannten „Harmlosigkeitsgrenze“.

Danach sollen bei Kollisionen mit einer Kollisionsgeschwindigkeit von unter 10 km/h keine Verletzungen im Bereich der Halswirbelsäule möglich sein.

Dieser pauschalen Betrachtung hat der BGH zwar grundsätzlich bereits durch eine Entscheidung aus dem Jahr 2003 (Urteil vom 28.01.2003, Az: VI ZR 139/02) einen Riegel vorgeschoben, doch das hält die Versicherungen in keinster Weise davon ab, Schmerzensgeldzahlungen bei geringen Kollisionsgeschwindigkeiten nachhaltig zu verweigern.

Quintessenz der Entscheidung des BGH war, dass eine HWS-Verletzung auch bei geringen kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderungen, also bei leichten Unfällen, nicht pauschal ausgeschlossen werden dürfen. Es müsste immer eine Einzelfallbetrachtung erfolgen.

Das interessiert die meisten Versicherungen jedoch erst einmal wenig.

Da sind dann wir Anwälte gefragt.

Es gilt jetzt genau vorzutragen, wie der Unfall sich ereignet hat, in welcher Sitzposition oder Haltung sich der Geschädigte zu diesem Zeitpunkt befand, oder welche Kopfhaltung er zum Zeitpunkt des Aufpralls hatte. Bedeutsam können auch spezielle physiologische Gegebenheiten, wie Körpergröße oder auch Erkrankungen, sein.

Dabei sind wir auf die Mithilfe der Mandanten angewiesen.

Wenn Sie nach einem Unfall, oft erst einige Stunden später oder am nächsten Tag, folgende Beschwerden haben:

  • Nackenschmerzen, Kopfschmerzen
  • Nackensteife
  • Sehstörungen
  • Schwindel
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Schluckstörungen
  • schmerzhafte Bewegungseinschränkungen von Kopf und Hals
  • Kribbeln und Taubheitsgefühle in den Armen oder Händen

dann gehen Sie sofort zu einem Arzt. Nehmen Sie jede Ihnen angebotene Heilbehandlung, insbesondere physiotherapeutische Behandlungen, an. Lassen Sie sich engmaschig untersuchen.

Dadurch wird es für uns Anwälte wesentlich einfacher bereits außergerichtlich ein angemessenes Schmerzensgeld für Sie durchzusetzen.

 

Höhe des Schmerzensgeldes

Hierzu gibt es unzählige Einzelfallentscheidungen, die keine pauschalierten Aussagen zulassen. Bei HWS-Distorsionen der Schweregrade II und III ist zumindest unstreitig, dass ein Schmerzensgeld gezahlt werden muß.

In sogenannten Schmerzensgeldtabellen sind zahlreiche Einzelfälle aufgeführt. Sehr gebräuchlich und auch von mir immer wieder herangezogen ist die Schmerzensgeldtabelle von Hacks/Wellner/Häcker.

Die anerkannten oder ausgeurteilten Schmerzensgelder bei HWS-Distorsionen des Schweregrades I liegen meist im dreistelligen Bereich. Lediglich in Einzelfällen, in denen eine intensive Behandlung über einen längeren Zeitraum dokumentiert ist, sind auch höhere Schmerzensgelder erzielbar.

 

500,-€  Schmerzensgeld ohne konkreten Vortrag zur HWS-Distorsion

Hilfreich ist da auch eine aktuelle Entscheidung des OLG Saarbrücken.

Dieses hat einer Frau für ein leichtes Schleudertrauma (HWS-Distorsion 1. Grades) ohne, dass diese näher zu ihren Beschwerden vorgetragen hatte, ein Schmerzensgeld i. H. von 500,-€ zugesprochen.

Die Frau war mit ihrem Auto auf das Fahrzeug des Beklagten aufgefahren, da dieser direkt vor ihr die Fahrspur wechselte ohne sie zu beachten.

Aufgrund von Schmerzen im Rücken- und Schultergürtelbereich, sowie eines Druckschmerzes im Bereich des Nackens und der Halswirbelsäule wurde sie für vier Tage krankgeschrieben.

Eine weitergehende Schilderung zu ihren Beschwerden und des Behandlungs- und Heilungsverlaufs gab sie nicht ab.

 

Fazit:

Es bleibt zu hoffen, dass diese Entscheidung der Beginn eines Umdenkens in der Rechtsprechung ist und in Zukunft keine überzogenen Anforderungen mehr an den Nachweis einer HWS-Distorsion 1. Grades mehr gestellt werden. Bisher wird in den Fällen, in denen die Versicherung sich darauf beruft, dass aufgrund der Art des Unfallsgeschehens und der geringen kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderung kein Schleudertrauma (HWS-Distorsion) entstanden sein könne, zumeist ein Sachverständigengutachten eingeholt. Da auch die Sachverständigen zumeist zumindest vornehmlich auf die Kollisionsgeschwindigkeit abstellen, ist es bei Unfällen mit Geschwindigkeitsunterschieden von weniger als 10 bis 15 km/h oft schwierig ein angemessenes Schmerzensgeld für den Mandanten durchzusetzen.

Erleichtert wird dies aber, wie oben schon ausgeführt, durch ausführliche ärztliche Dokumentationen der Beschwerden und durchgeführten Behandlungen.

 

Wenn auch Sie oder ein Angehöriger, Freund oder Bekannter bei einem Unfall verletzt wurde, können Sie gerne zunächst unverbindlich und kostenlos Kontakt via Telefon (06224175330) oder Email zu mir aufnehmen. Ich unterstütze Sie gerne bei der Durchsetzung eines angemessenen Schmerzensgeldes.

Ihre Anwältin in Sandhausen, Heidelberg, Mannheim und im gesamten Rhein-Neckar-Kreis.

Gerne auch bundesweit online.

Auf meiner Website finden Sie die notwendigen Formulare zum Downloaden.

 

 



1 Kommentar

  • Jochen

    Jochen13 September 2016Antwort

    Guter Artikel!


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