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Ältere Menschen als Fahrzeugführer – Eine Gefahr für sich und andere?

14 Januar 2017
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and. one - Fotolia.com

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Einleitung

Immer wieder wird in den Nachrichten davon berichtet, dass ältere Menschen bspw. als Geisterfahrer auf der Autobahn schwere Unfälle verursacht haben.

Solche Vorfälle lösen nachhaltige Diskussionen darüber aus, ob eine Pflicht zur Durchführung von Fahreignungstests für ältere Kraftfahrer eingeführt werden soll.

Auch ich hatte schon oft ältere Autofahrer als Mandanten, die Unfälle verursacht hatten. Manchmal hatten sie dies gar nicht gemerkt und wurden dann der Unfallflucht beschuldigt. Ich gebe zu, dass ich manches Mal schon gedacht habe, dass es wirklich besser wäre, wenn man demjenigen den Führerschein entziehen würde. Viele dieser älteren Menschen sind leider völlig uneinsichtig, wenn es um ihre fehlende Fahreignung geht. So hatte ich einmal einen Mandanten, der nicht nur kaum noch hören konnte, sondern auch sehr schwer erkrankt und in seiner Mobilität stark eingeschränkt war. Er konnte kaum noch laufen und musste starke Medikamente nehmen. Bei mir war er, weil er ein geparktes Auto schwer beschädigt hatte. Das hatte er nicht einmal bemerkt und war, obwohl anwesende Passanten winkten, riefen und gestikulierten, weiter gefahren.

Doch verursachen ältere Menschen tatsächlich überdurchschnittlich oft Unfälle?

 

Statistische Daten

Der Anteil von Menschen mit einem Alter ab 65 Jahren an der Gesamtbevölkerung steigt beständig. Ende des Jahres 2014 lebten bereits 17,1 Millionen Personen in Deutschland, die 65 Jahre und älter waren. Im Jahr 2030 werden bereits 29 % der Deutschen älter als 65 Jahre sein.

Im Jahr 2015 waren 73.338 ältere Menschen an Unfällen mit Personenschaden beteiligt. Damit sind je 100 000 Einwohner im Alter von 65 Jahren und mehr 285 Personen im Straßenverkehr verunglückt. Bei den jüngeren Verkehrsteilnehmern lag die Zahl bei 489 Verunglückten pro 100 000 Einwohnern, also fast doppelt so hoch. Im Verhältnis zu den jüngeren Verkehrsteilnehmern trugen die älteren jedoch überproportional schwere Verletzungen davon.

Statistisch gesehen verursachen ältere Autofahrer erst ab einem Alter von mehr als 75 Jahren häufiger einen Verkehrsunfall mit Verletzten oder gar Toten, als die Risikogruppe der 18 bis 21-jährigen.

Unberücksichtigt bleibt dabei, dass es Senioren gibt, die schon mit 70 Jahren krank und in ihrer Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt sind, aber auch solche, die mit 80 Jahren noch topfit sind.

 

 

Altersbedingte verkehrsrelevante physische und psychische Einschränkungen

Welche Einschränkungen sind denn alterstypisch und inwieweit führen sie zu unfallrelevanten Fahrfehlern?

Zumeist lässt im Alter die Seh- und Hörfähigkeit nach und auch kognitive Fähigkeiten (wie z. B. Aufmerksamkeitsleistungen, Gedächtnis, Urteilsfähigkeit) nehmen tendenziell ab.

Ältere Menschen haben zumeist auch eine verlängerte Reaktionszeit, brauchen also länger, um auf eine neue Situation, wie bspw. ein bremsendes Auto, zu reagieren. Viele Menschen werden im Alter auch ängstlicher und oft lässt bei älteren Menschen auch die Bereitschaft zur Selbstkritik nach.

Im Straßenverkehr dürfte sich überwiegend die verlängerte Reaktionszeit als unfallverursachend auswirken.

Schwierig sind für ältere Autofahrer auch Verkehrssituationen wie Spurwechsel, Kreuzungssituationen, Wende- und Ausweichmanöver sowie Situationen, in denen die Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmern nötig ist, zu bewältigen.

Demgegenüber verhält sich die Autofahrergeneration ab 65 jedoch deutlich regelkonformer als die jüngeren Fahrer. Sie überschreiten weitaus seltener die zulässige Höchstgeschwindigkeit und halten auch genügend Abstand. Auch vermeiden sie riskante Fahrsituationen und fahren umsichtiger und gewissenhafter. Dadurch kompensieren sie viele der altersbedingten Einschränkungen.

 

Aktives Autofahren als „Gesundheitselexier“

Es wird viele überraschen, aber in Untersuchungen wurde festgestellt, dass ältere Menschen, die noch selbst Auto fahren, wesentlich seltener zu Pflegefällen werden. So ist für Personen, die seit mindestens 6 Monaten nicht mehr Auto fahren das Risiko, im Alter dauerhaft betreut werden zu müssen, fast fünfmal so hoch wie für die aktiven Autofahrer. Zudem leiden „Nichtfahrer“ über 65 deutlich häufiger unter Depressionen, als ihre aktiven Mitstreiter.

Aktive ältere Menschen sind überhaupt gesünder als passive. Ältere Menschen, die auch durch die Möglichkeit Auto zu fahren autonom leben können, sind weniger auf öffentliche Unterstützung angewiesen, kosten den Staat also weniger.

Wenn es also aus medizinischer, psychologischer und juristischer Sicht vertretbar ist, sollten ältere Menschen also weiterhin aktiv am Straßenverkehr teilnehmen.

 

Das Für und Wider von Pflichtuntersuchungen für autofahrende Senioren

Wie ich oben bereits ausgeführt habe, sagt das kalendarische Alter per se noch nichts über den Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit eines Menschen aus. Zudem kompensieren viele ältere Verkehrsteilnehmer altersbedingte Einschränkungen, wie insbesondere eine verlängerte Reaktionszeit durch vorsichtigeres und regelkonformes Fahrverhalten.

Andererseits sind sie gerade in schwierigen Verkehrssituationen oft überfordert und verursachen dadurch teils schwere Verkehrsunfälle.

Ältere Menschen, die aktiv Auto fahren, sind andererseits gesünder und autonomer, wodurch sie den Staat und damit die Bevölkerung weniger kosten.

Sind dennoch altersgebundene Pflichtuntersuchungen zur Überprüfung der Fahrfähigkeit sinnvoll und wie sollten sie durchgeführt werden?

In vielen Ländern gibt es solche Pflichtuntersuchungen bereits.

So muß man in Großbritannien ab einem Alter von 70 Jahren alle 3 Jahre zum Gesundheitscheck. Zudem muß jede medizinische Erkrankung, die die Fahrfähigkeit beeinträchigen könnte, der Fahrerlaubnisbehörde gemeldet werden. In der Schweiz wird ab 70 ebenfalls alle 3 Jahre eine medizinische Untersuchung fällig. Erkrankungen müssen hierbei angegeben werden.

Italien und Portugal verpflichten die Autofaher schon ab 50 dazu, alle fünf Jahre und ab 70 alle 3 (bzw. Portugal alle 2) Jahre, einen medizinischen Fahreignungstest durchzuführen.

In der Schweiz und den Niederlanden, in denen auch ab 75 medizinische Tests vorgeschrieben sind, liegen bereits gutachterliche Untersuchungen vor, die eine Abschaffung dieser Tests vorschlagen.

Viele Erkrankungen führen nicht per se zu einer Einschränkung der Fahrfähigkeit. Maßgeblich ist zumeist der Umgang der betroffenen Person mit dieser Erkrankung. Ist ein älterer Mensch bepw. schwerhörig, so bedingt dies nur dann eine Einschränkung im Straßenverkehr, wenn er kein Hörgerät trägt.

Ob eine medizinische Untersuchung tatsächlich sichere Rückschlüsse auf die Fahreignung zulässt erscheint vor diesem Hintergrund fraglich.

 

Sinnvoller könnten hier individuelle Fahrverhaltensbeobachtungen älterer Menschen sein. So könnte eine Fahreignungsprüfung anhand eines standarisierten praktischen Tests ab einem Alter von ca. 75 Jahren in regelmäßigen Abständen sicherlich die tatsächliche Fahrfähigkeit besser überprüfen, als ein reiner Gesundheitscheck.

Auch hier ist jedoch zu befürchten, dass die auch mit solchen Tests einhergehende Schematisierung zu Fehleinschätzungen führt.

 

Denkbar ist auch ein mit Anreizen im Sinne von Belohnungen verbundenes Angebot von freiwilligen Gesundheitschecks oder Fahreignungstest ab einem gewissen Alter. Belohnt werden könnten solche Checks mit Kfz-Versicherungsrabatten oder Jahreskarten für öffentliche Nahverkehrsmittel bei Verzicht auf die Nutzung des Führerscheins.

 

 

Fazit:

Es werden von Jahr zu Jahr prozenzual immer mehr ältere Menschen aktiv als Autofahrer am Straßenverkehr teilnehmen. Zudem steigt die Lebenserwartung der Menschen. Derzeit weist die Altersgruppe ab 75 Jahren eine deutlich erhöhte Quote bei der Verursachung von schweren Verkehrsunfällen auf. Hier sollten möglichst wirksame, idealerweise freiwillige Kontrollmöglichkeiten der individuellen Fahrfähigkeit dieser Senioren gefunden werden.

Nicht übersehen werden sollte jedoch auch, dass die Entwicklung moderner Fahrassistenzsysteme zukünftig individuelle Fahrfehler immer zuverlässiger abwenden wird.



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